Jahrgang 2022

Jahrgang 2022

per­spek­ti­ven ds 2/21
Der Ernst der Lage: Krieg, Kipp­punkte, Kapi­ta­lis­mus

312 Seiten

Seit Ende Februar 2022 ist alles anders. Der in Europa über­wun­den geglaubte große ter­ri­to­riale Ver­nich­tungs­krieg gegen eine benach­barte Nation kehrte zurück, samt zuge­hö­ri­ger Kriegs­ver­bre­chen. Die völ­ker­rechts­wid­rige rus­si­sche Inter­ven­tion in der Ukraine erwies sich als Kata­ly­sa­tor, der den Ernst der Lage bewusst machte. Nichts ist mehr selbst­ver­ständ­lich, Zukunfts­op­ti­mis­mus ziem­lich passé. Von Zäsur, Zei­ten­wende, Kol­lek­tiv­ängs­ten und einer neuen Ära der Unsi­cher­heit, der Bedro­hung und des Nie­der­gangs ist die Rede. Offen­sicht­lich über­lap­pen sich Kri­sen von welt­wei­ter Bedeu­tung – zudem im Kon­text unge­klär­ter Macht­fra­gen, nach­dem die Nach­kriegs­ord­nung vor­über ist und eine neue Welt­ord­nung noch nicht ent­stan­den ist, zudem beglei­tet von Erfol­gen demo­kra­ti­scher Regres­sion als Gegen­mo­dell zur links-libe­ra­len Moderne. Auch die glo­bale Corona-Pan­de­mie will ein­fach nicht enden. Und dra­ma­ti­sche Kipp­punkte der Kli­ma­ka­ta­stro­phe und des Arten­ster­bens sind bereits in Sicht­weite; die Selbst­zer­stö­rung des Glo­bus, zuvor­derst der Anstieg kli­ma­schäd­li­cher Treib­haus­gase in der Atmo­sphäre, setzt sich unver­min­dert fort. Der Kapi­ta­lis­mus wird kri­sen­haf­ter: par­ti­elle Deglo­ba­li­sie­rung, Ener­gie­kri­sen, geris­sene Lie­fer­ket­ten, Infla­tion bzw. Stag­fla­tion, Wohl­stands­ver­luste, Armut, Rück­kehr des Hun­gers, glo­bale Flücht­lings­krise (100 Mio. Men­schen der­zeit auf der Flucht), gleich­zei­tig Reicht­ums­explo­sion. Beginnt nun statt koope­ra­ti­ver mul­ti­la­te­ra­ler Lösun­gen der Welt­pro­bleme eine glo­bale Ära der – auch mili­tä­ri­schen – Kon­fron­ta­tion, am Ende sogar bipo­lar zwi­schen «dem Wes­ten», bei dem die Frei­heit des Indi­vi­du­ums im Zen­trum ste­hen sollte, und den auto­kra­tisch-dik­ta­to­ri­schen Regi­men vor allem des Ostens?


per­spek­ti­ven ds 2/22
Zei­ten­wende – und jetzt?

Die Zei­ten­wende wurde, seit­dem Bun­des­kanz­ler Olaf Scholz sie in sei­ner Regie­rungs­er­klä­rung zum völ­ker­rechts­wid­ri­gen Krieg Putins gegen die Ukraine vor dem Deut­schen Bun­des­tag beschwor, zum Schlüs­sel­wort des Jah­res 2022: Bereits zuvor, noch rech­nete nie­mand mit dem rus­si­schen Über­fall, war im Koali­ti­ons­ver­trag der Ampel im Novem­ber 2021 vom Umbruch die Rede: «Die Welt ist am Beginn eines Jahr­zehnts im Umbruch, des­halb kön­nen wir nicht im Still­stand ver­har­ren.» Ob nun Umbruch oder Zei­ten­wende, die Frage lau­tet: Und jetzt? Wie geht es wei­ter? In den hier publi­zier­ten Tex­ten spie­gelt sich die zen­trale Kon­tro­verse des Herbs­tes 2022: Wie­weit müs­sen wir ange­sichts der rus­si­schen Aggres­sion neu ler­nen und uns von dem, was aus der SPD-Russ­land­po­li­tik seit den 1990er Jah­ren wurde, selbst­kri­tisch ver­ab­schie­den? Oder wie­weit blei­ben Grund­sätze der Sicher­heits- und Ent­span­nungs­po­li­tik auch dann rich­tig, wenn die Diplo­ma­tie versagt?