Jürgen Habermas in memoriam

Jürgen Habermas in memoriam

von Wolf­gang Kowalsky

Haber­mas steht wie kein ande­rer für ein intel­li­gen­tes Reflek­tie­ren und Ein­ord­nen bun­des­deut­scher Ent­wick­lun­gen. Als Phi­lo­soph wie als Sozio­loge hat er die wich­tigs­ten bun­des­deut­schen Etap­pen und Ereig­nisse beglei­tet und kom­men­tiert. Dabei hat er von Anfang an den Wider­spruch gesucht. Er stand sein gan­zes Leben der Sozi­al­de­mo­kra­tie nahe bei zugleich kri­ti­scher Distanz. Zeit­le­bens hat er Begriffe zum Ver­ständ­nis der Wirk­lich­keit ent­wi­ckelt und das not­wen­dige intel­lek­tu­elle Rüst­zeug gelie­fert.
Seine Wir­kungs­ge­schichte ist ein­zig­ar­tig, deutsch, euro­pä­isch, glo­bal. Er ver­zich­tete neben sei­nem phi­lo­so­phi­schen Werk nie auf poli­ti­sche Inter­ven­tio­nen. Unbe­ein­druckt von intel­lek­tu­el­len Moden ließ er sich von irra­tio­na­len Theo­rie­ge­bäu­den eines Fou­cault oder Der­rida nicht beir­ren und trat kom­pro­miss­los für Ver­nunft ein. Er bewahrte viele vor den Sire­nen nihi­lis­ti­scher Ver­zweif­lung, vor rigi­den Sys­tem­theo­rien oder natio­na­lis­ti­schen Ver­ir­run­gen.
Die Nach­rufe auf den 96-jäh­ri­gen Haber­mas (* 18. Juni 1929 in Düs­sel­dorf; † 14. März 2026 in Starn­berg) sowohl in Deutsch­land als auch in den euro­päi­schen Nach­bar­län­dern ver­wei­sen auf seine wirk­sa­men Inter­ven­tio­nen in poli­ti­sche Streit­fra­gen. Er war ein «öffent­li­cher Intel­lek­tu­el­ler, der die gro­ßen poli­ti­schen Debat­ten prägte», so das Phi­lo­so­phie­ma­ga­zin, das eine unvoll­stän­dige Liste auf­machte: «68er-Revolte, Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus, His­to­ri­ker­streit, künf­ti­ger kos­mo­po­li­ti­scher Zustand, post­sä­ku­lare Gesell­schaft, Euge­nik» – gemeint ist seine Ableh­nung von «Desi­gner-Babies», also einer gene­ti­schen Per­fek­tio­nie­rung durch poly­ge­nes Embryo-Scree­ning. Doch feh­len wie in den meis­ten deut­schen Nach­ru­fen seine zahl­rei­chen euro­pa­po­li­ti­schen Inter­ven­tio­nen, die nichts von ihrer Aktua­li­tät ein­ge­büßt haben.
Hier ist nicht der Ort, seine Werke – über 40 Bücher – Revue pas­sie­ren zu las­sen oder gar die unüber­schau­bare Sekun­där­li­te­ra­tur. Daher seien nur einige rele­vante Streit­fra­gen exem­pla­risch her­aus­ge­grif­fen:
Heid­eg­ger hatte 1953 seine Vor­le­sung «Ein­füh­rung in die Meta­phy­sik» aus den Anfangs­jah­ren des Nazi­re­gimes in einer unver­än­der­ten Neu­auf­lage her­aus­ge­bracht und von der «inne­ren Wahr­heit und Größe» der NS-Bewe­gung schwa­dro­niert. Haber­mas atta­ckierte – übri­gens in der FAZ – die­ses fort­ge­setzte Beweih­räu­chern des Nazi­re­gimes in der Ade­nauer-Ära: Einige ver­such­ten den Über­gang vom Faschis­mus zur Demo­kra­tie west­li­chen Zuschnitts zu glät­ten durch Beschwei­gen und Ver­drän­gen, andere arbei­te­ten hin auf eine Reha­bi­li­ta­tion, gegen die spä­ter auch die Stu­den­ten­be­we­gung auf die Stra­ßen ging.
In allen gro­ßen Kon­tro­ver­sen hat Haber­mas Stel­lung bezo­gen: In einer Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung nach dem Tod des Stu­den­ten Benno Ohnes­org warf er dem Stu­den­ten­füh­rer Rudi Dutschke «lin­ken Faschis­mus» vor, da die­ser die demo­kra­ti­schen Spiel­re­geln ablehnte. Haber­mas, für den Gewalt­frei­heit zen­tral war, befürch­tete eine Ver­selbst­stän­di­gung von Gewalt. Spä­ter nahm er die über­spitzte Bezeich­nung zurück.
Seine Gene­ra­tion war geprägt vom erleb­ten Wech­sel von einem ver­bre­che­ri­schen faschis­ti­schen Régime zu einer par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie bei weit­ge­hen­der Bei­be­hal­tung des poli­ti­schen, juris­ti­schen, öko­no­mi­schen und admi­nis­tra­ti­ven Per­so­nals. Er bewirkte eine große Selbst­ver­stän­di­gungs­de­batte über das Ver­hält­nis der Bun­des­re­pu­blik zum Nazi­re­gime. Diese Debatte zur Iden­ti­täts­fin­dung erhielt von ihm ihren ent­schei­den­den Bei­trag, indem er exem­pla­risch die Iden­ti­täts­frage der Bun­des­re­pu­blik stellte: Er beharrte im His­to­ri­ker­streit von 1986 auf der Sin­gu­la­ri­tät der Shoah gegen jeg­li­che Ten­den­zen zu rela­ti­vie­ren­der Kom­pa­ra­tis­tik. Das Miss­ver­ständ­nis, dass jeg­li­cher Ver­gleich unzu­läs­sig sei, hat sich bis heute gehal­ten, doch nur durch Ver­gleich, nicht durch apo­dik­ti­sche Set­zung ergibt sich das Sin­gu­läre. Haber­mas bestand zu Recht darauf, dass die sys­te­ma­ti­sche Ermor­dung der Juden sin­gu­lär war und eben keine Reak­tion auf die Bol­sche­wiki, was einer Apo­lo­gie des Nazi­re­gimes gleich­käme. Diese unzwei­deu­tige Posi­tion ist der FAZ, die auf der Gegen­seite stand, ver­ständ­li­cher­weise heut­zu­tage pein­lich. Die FAZ «ver­gisst» in ihren vie­len Nach­ru­fen daher lie­ber den His­to­ri­ker­streit. Haber­mas hat durch­ge­setzt, dass Anti­se­mi­tis­mus zur Staats­rä­son wurde und ein Her­um­la­vie­ren in die­ser Frage des Holo­caust nicht akzep­ta­bel ist. Ein anti­fa­schis­ti­scher Kon­sens war eta­bliert, teil­weise umge­deu­tet in einen anti­to­ta­li­tä­ren Kon­sens. Ein neuer kate­go­ri­scher Impe­ra­tiv lau­tet, eine Wie­der­kehr von Ausch­witz kei­nes­falls zuzu­las­sen.
Er brachte im His­to­ri­ker­streit die Frage auf den Punkt und seine dama­lige Schluss­fol­ge­rung ist unver­min­dert aktu­ell: «Die vor­be­halt­lose Öff­nung der Bun­des­re­pu­blik gegen­über der poli­ti­schen Kul­tur des Wes­tens ist die große intel­lek­tu­elle Leis­tung unse­rer Nach­kriegs­zeit, auf die gerade meine Gene­ra­tion stolz sein könnte. […] Der ein­zige Patrio­tis­mus, der uns dem Wes­ten nicht ent­frem­det, ist ein Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus. Eine in Über­zeu­gun­gen ver­an­kerte Bin­dung an uni­ver­sa­lis­ti­sche Ver­fas­sungs­prin­zi­pien hat sich lei­der in der Kul­tur­na­tion der Deut­schen erst nach – und durch – Ausch­witz bil­den kön­nen. Wer uns mit einer Flos­kel wie ‹Schuld­be­ses­sen­heit› (Stür­mer und Oppen­hei­mer) die Scham­röte über die­ses Fak­tum aus­trei­ben will, wer die Deut­schen zu einer kon­ven­tio­nel­len Form ihrer natio­na­len Iden­ti­tät zurück­ru­fen will, zer­stört die ein­zige ver­läß­li­che Basis unse­rer Bin­dung an den Wes­ten.»
Seine Über­le­gun­gen zum Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus sind nicht über­holt – für ihn stets ein Syn­onym für repu­bli­ka­nisch, nicht für Law and Order. Er über­nahm den Begriff Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus und deu­tete ihn um: der Begriff ermög­licht, Zuge­hö­rig­keit zu einer Nation jen­seits kul­tu­rel­ler oder natio­na­ler Homo­ge­ni­tät und jen­seits eth­ni­scher Her­kunft zu den­ken, und dient zugleich als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur mit demo­kra­ti­schen Wer­ten und recht­li­chen Prin­zi­pien – ein zen­tra­ler Ansatz auch für moderne Defi­ni­tio­nen einer Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft.
Er hat die Moderne als unvoll­stän­di­ges Pro­jekt begrif­fen und ihr Schei­tern nicht aus­ge­schlos­sen. In jüngs­ter Zeit nahm er Stel­lung gegen den rus­si­schen Angriff auf die Ukraine und ver­ur­teilte das Mas­sa­ker vom 8. Okto­ber. Zwei Wochen nach sei­nem Tod began­nen die USA und Israel in neo-impe­ria­lis­ti­scher Manier mili­tä­ri­sche Atta­cken auf das kle­ri­kal­fa­schis­ti­sche Régime im Iran, die er folg­lich nicht mehr mit­er­le­ben musste. Als er ange­sichts der Schre­cken des Krie­ges in der Ukraine, der zum Gra­ben­kampf wie in Ver­dun mutierte, vor Bel­li­zis­mus warnte und mit Nach­druck für Ver­hand­lun­gen mit dem neo-impe­ria­lis­ti­schen Russ­land ein­trat, stieß sein lebens­lan­ges Plä­doyer für argu­men­ta­tive Aus­ein­an­der­set­zung auf Unver­ständ­nis und for­derte Pawlow’sche Reflexe in Form uner­bitt­li­cher und infa­mer Repli­ken heraus. Er kri­ti­siert, dass die poli­ti­schen Eli­ten im Wes­ten sich von der Logik des Krie­ges mehr und mehr ver­ein­nah­men las­sen und der Wes­ten kon­zep­ti­ons­los wirke. Er musste noch mit­er­le­ben, wie seine Argu­mente abprall­ten an einer Mauer der pen­sée uni­que: Der Main­stream ließ nur unkri­ti­sche Unter­stüt­zung der Ukraine zu und dul­dete keine Kri­tik an der Per­hor­res­zie­rung Russ­lands bei gleich­zei­ti­ger Apo­lo­gie der Absenz von diplo­ma­ti­schen Akti­vi­tä­ten. Wider bes­se­res Wis­sen wurde ihm Par­tei­nahme für Putin unter­stellt, um seine Argu­mente aus­zu­gren­zen aus dem zuläs­si­gen Dis­kurs: Plu­ra­lis­ti­sche Debatte war plötz­lich uner­wünscht. Diese irra­tio­nale Reak­tion des Main­stream hat ihn zu Recht irri­tiert. Der Irra­tio­na­lis­mus drängt mit Macht zurück und wie Philip Manow zu Recht kon­sta­tiert, lau­ert die Gefahr auch in unver­mu­te­ten Ecken.
Haber­mas trat stets ein für eine deli­be­ra­tive plu­ra­lis­ti­sche Demo­kra­tie, nicht eine libe­rale, er wollte kein Libe­ra­ler sein. Er beob­ach­tete und ana­ly­sierte 2022 den jüngs­ten neuen Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit mit Bla­sen­bil­dung und dazu­ge­hö­ri­ger Fil­te­rung. Das Gemein­same und Inklu­sive von Öffent­lich­keit drohe ver­lo­ren zu gehen, wenn allent­hal­ben Ent­täu­schung und Skep­sis gegen­über der erschöpf­ten west­li­chen Demo­kra­tie ver­bun­den mit irra­tio­na­ler Ableh­nung wächst.
Nach­dem seine jüngs­ten Ein­würfe auf taube Ohren gesto­ßen waren, bewusst igno­riert oder miss­ver­stan­den wur­den, kann seit sei­nem Tod das Podest nicht groß genug sein: der «Jahr­hun­dert­phi­lo­soph» (FAZ), der «intel­lek­tu­elle Gigant» (Spie­gel), der «Meis­ter» (SZ), ein «Mora­list für unsere Zeit» (NZZ), die «Stimme der Ver­nunft» (Libé­ra­tion), «Fix­stern», «der ein­fluss­reichste deut­sche Den­ker», «phi­lo­so­phi­scher Welt­star», «Legende», «Staats­phi­lo­soph», er ver­kör­pere das «Ende einer Epo­che», usw. usf.
Das Eti­kett ‹Staats­phi­lo­soph› war Hegel umge­hängt wor­den, wegen sei­ner Nähe zum preu­ßi­schen Obrig­keits­staat. Haber­mas hätte sich diese Bezeich­nung zu Recht ver­be­ten, er war und ver­stand sich als Intel­lek­tu­el­ler der Lin­ken. Er aner­kannte die demo­kra­ti­schen Fort­schritte der Bun­des­re­pu­blik, kri­ti­sierte jedoch lange Zeit das Über­hän­gen der Nazi-Ideen­welt. Spä­ter kri­ti­sierte er regel­mä­ßig die bun­des­deut­sche Poli­tik. Er hat es sich nicht ein­fach gemacht, immer ver­sucht, sich auf andere ein­zu­las­sen, auch kon­fron­ta­tiv, was Freund­lich­keit im Umgang nicht aus­schloss.
Das NS-Régime zog ihn 1944 in die Hit­ler­ju­gend ein, 1955 wurde er Assis­tent von Theo­dor W. Adorno an der Goe­the-Uni­ver­si­tät in Frank­furt, von 1964 bis 1971 Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie und Sozio­lo­gie, von 1971 bis 1981 wech­selte er als Direk­tor zum Max-Planck-Insti­tut zur Erfor­schung der Lebens­be­din­gun­gen der wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Welt und kehrte 1983 an die Goe­the-Uni­ver­si­tät zurück bis 1994. Er ver­kör­perte die zweite Gene­ra­tion der «Frank­fur­ter Schule». Georg Lukács hatte die erste Gene­ra­tion als «Grand Hotel Abgrund» bezeich­net, doch teilte Haber­mas (zunächst) nicht deren resi­gna­tive Welt­sicht; von Mise­ra­bi­lis­mus hielt er sich fern.
Er glaubte an die Kraft des bes­se­ren Argu­ments. Haber­mas führt in Fak­ti­zi­tät und Gel­tung (1992) aus, dass rele­vante Anstöße, Bei­träge, Vor­schläge und The­men eher von den Rän­dern und nicht aus der Mitte des eta­blier­ten Mei­nungs­spek­trums kom­men. Seine Sprach­bil­der wirk­ten prä­gend für unsere Epo­che, sei es der Struk­tur­wan­del der Öffent­lich­keit (1962) und 60 Jahre spä­ter Der neue Struk­tur­wan­del… und 1985 Die neue Unüber­sicht­lich­keit. Sie haben Ein­gang gefun­den ins kol­lek­tive intel­lek­tu­elle Gedächt­nis.
Säku­lare Phi­lo­so­phie sah er als Abgren­zung von reli­giö­sen Letzt­be­grün­dun­gen, so in sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit Kar­di­nal Ratz­in­ger 2004 und in sei­nem letz­ten Opus Auch eine Geschichte der Phi­lo­so­phie (von 2022) nahm er sich noch mal aus­führ­lich das Ver­hält­nis von Glau­ben und Wis­sen vor.
Die post­na­tio­nale Kon­stel­la­tion beschäf­tigte ihn zeit­le­bens, denn als Kos­mo­po­lit schaute er über Gren­zen. Genau das neh­men seine Geg­ner ihm übel: Die Nach­rufe von Rechts­au­ßen trie­fen vor Hass und wer­fen ihm «Zer­set­zung» vor: er sei «einer der größ­ten Feinde der deut­schen Nation.»
Europa und die euro­päi­sche Eini­gung betrach­tet er als not­wen­di­gen Zwi­schen­schritt zum Fern­ziel der Welt­re­pu­blik, der Welt­bür­ger­ge­mein­schaft, für ihn eine «rea­lis­ti­sche Uto­pie». An der Euro­päi­schen Union kri­ti­siert er Demo­kra­tie­de­fi­zite und plä­dierte fol­ge­rich­tig für eine Rede­mo­kra­ti­sie­rung Euro­pas. Haber­mas sah in einer euro­päi­schen Ver­fas­sung eine Rück­ver­si­che­rung gegen einen Rück­fall in Natio­na­lis­mus und eine Art Aus­deh­nung des Grund­ge­set­zes auf euro­päi­sche Ebene – doch das ambi­tio­nierte Pro­jekt schei­terte im Mai 2005 in Frank­reich bei einem Refe­ren­dum, da links­ra­di­kale und rechts­extreme Kräfte alles daran setz­ten, um die Ver­fas­sung zu Fall zu brin­gen.
Auf einer Klau­sur­ta­gung der SPD-Spitze im Februar 2014 weist er hin auf die Gefahr eines Rück­falls in deutsch­na­tio­na­les Hege­mo­nie­den­ken, das in der Ver­gan­gen­heit zu zwei Welt­krie­gen geführt hatte. Ein­dring­lich warnt er vor einem «deut­schen Europa» und pos­tu­liert: Es «müsste der Kon­struk­ti­ons­feh­ler einer Wäh­rungs­ge­mein­schaft ohne Poli­ti­sche Union beho­ben wer­den» und dazu wäre es not­wen­dig, ein «Europa der zwei Geschwin­dig­kei­ten in Kauf» zu neh­men [blaet​ter​.de: https://​is​.gd/​x​n​S​OgP]. Doch die SPD ver­mag sich dazu nicht durch­zu­rin­gen, aus einer Mischung aus ideo­lo­gi­scher Bor­niert­heit und Idio­syn­kra­sie gegen­über dem «Lamers-Schäuble-Papier» von 1994.
2015 kon­ze­diert Haber­mas in einem Inter­view mit The Guar­dian, dass Wolf­gang Stre­eck mit sei­ner kri­ti­schen Sicht auf die EU recht habe: Die tech­no­kra­ti­sche Aus­höh­lung Euro­pas sei ein Ergeb­nis neo­li­be­ra­ler Dere­gu­lie­rungs­po­li­ti­ken. Europa benö­tige einen Kurs­wech­sel und ein stär­ker inte­grier­tes «Kern­eu­ropa» [the​guar​dian​.com: https://​is​.gd/​n​f​j​kI9] – klare Aus­sa­gen, zu denen sich die euro­päi­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie nicht beken­nen mochte. Es war ange­sagt, uto­pie­frei und ideo­lo­gie­los auf­zu­tre­ten – Haber­mas bezeich­nete dies als «nor­ma­tiv ent­kernte Poli­tik». In Zei­ten, da weder die Demo­kra­tie noch Europa Träume wecken, fehlt Haber­mas mehr denn je.
Im Sep­tem­ber 2018 wirft er die Frage auf, «Wo bleibt die pro­eu­ro­päi­sche Linke?» und ana­ly­siert – vor­aus­schau­end – den Zustand der euro­päi­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie: «Der Grund für den Nie­der­gang der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­teien ist deren Pro­fil­lo­sig­keit. Man weiß nicht mehr, wozu man sie noch brau­chen sollte. Denn die Sozi­al­de­mo­kra­ten wagen es nicht mehr, die pro­gram­ma­ti­sche Zäh­mung des Kapi­ta­lis­mus auf der Ebene in Angriff zu neh­men, auf der doch die dere­gu­lier­ten Märkte aus dem Ruder lau­fen.» Bereits 2007/08 hatte die neo­li­be­rale Dere­gu­lie­rungs­agenda zur Finanz­markt­krise geführt. Die Super­rei­chen sind aus der demo­kra­ti­schen Ord­nung aus­ge­tre­ten, doch die Poli­tik tabui­siert eine Rei­chen­steuer.
Haber­mas bedau­ert, dass die Bun­des­re­gie­rung die euro­pa­po­li­ti­schen Vor­schläge des fran­zö­si­schen Staats­prä­si­den­ten Macron ins Leere lau­fen lässt. Unge­wöhn­li­cher­weise gibt er einen Stoß­seuf­zer von sich: «Wir kön­nen nur hof­fen, dass die brüske und öffent­lich gar nicht erst begrün­dete Ableh­nung der Mar­cron­schen Reform­vor­schläge durch die deut­sche Bun­des­re­gie­rung nicht die letzte ver­passte Chance gewe­sen ist.» (blaet​ter​.de: https://​is​.gd/​Z​5​A​yOa)
Sein Bei­trag in der SZ Ende 2025 endet mit einem fast tes­ta­men­ta­risch klin­gen­den Satz: «Darum halte ich es für wahr­schein­lich, dass Europa weni­ger denn je in der Lage sein wird, sich von der bis­he­ri­gen Füh­rungs­macht USA abzu­kop­peln. Ob es in die­sem Sog sein nor­ma­ti­ves und bis­lang immer noch demo­kra­ti­sches und libe­ra­les Selbst­ver­ständ­nis auf­recht­erhal­ten kann, wird dann aber die zen­trale Her­aus­for­de­rung sein. Am Ende eines poli­tisch eher begüns­tig­ten poli­ti­schen Lebens fällt mir die trotz allem beschwö­rende Schluss­fol­ge­rung nicht leicht: Die wei­tere poli­ti­sche Inte­gra­tion wenigs­tens im Kern der Euro­päi­schen Union war für uns noch nie so über­le­bens­wich­tig wie heute. Und noch nie so unwahr­schein­lich.» (SZ, 20.11.2025)
Und als hätte er den Krieg im Iran noch mit­er­lebt, for­derte er, dass die euro­päi­schen Län­der ein «welt­po­li­ti­sches Gewicht» erlan­gen müs­sen: «Sonst lie­fern sie sich als Onkel Sams Pudel an eine ebenso gefähr­li­che wie chao­ti­sche Welt­lage aus.» [J. Haber­mas, Zur Ver­fas­sung Euro­pas, 2011, S. 110] Mit der Akzep­tanz des Deals von Trump, dass die Euro­päer Zölle zah­len, aber die Waren aus den USA zoll­be­freit sind, hat das EU-Füh­rungs­per­so­nal sich zum Vasal­len gemacht.
Wie ein Seis­mo­graf machte er tek­to­ni­sche Ver­schie­bun­gen sicht­bar. In der SZ ana­ly­sierte Haber­mas die neue Welt­ord­nung und kon­sta­tierte, dass der Auf­stieg Chi­nas den Über­gang zu einer «mul­ti­po­la­ren Welt­ord­nung» mar­kiere, in der der Wes­ten seine hege­mo­niale und domi­nante Stel­lung ein­büßt. Doch Europa dürfe sich im Kon­flikt zwi­schen den USA und China nicht in eine bloße Gefolg­schaft drän­gen las­sen, son­dern müsse eine eigen­stän­dige poli­ti­sche Rolle spie­len.
Eine «sino­zen­tri­sche Welt­ord­nung» sieht Haber­mas gekom­men sowie einen gespal­te­nen und geschwäch­ten Wes­ten. Seine «eigent­li­che» Frage lau­tet: «Wie rea­lis­tisch ist es, eine wei­ter­ge­hende poli­ti­sche Eini­gung der EU mit dem Ziel anzu­stre­ben, im Rah­men der Welt­ge­sell­schaft nicht nur als einer der öko­no­misch bedeu­tends­ten Han­dels­part­ner, son­dern als ein eige­nes, poli­tisch selbst­be­haup­tungs- und hand­lungs­fä­hi­ges Sub­jekt aner­kannt zu wer­den?»
Im Grunde beschreibt er bis zuletzt mit gro­ßem Rea­lis­mus die rie­si­gen Her­aus­for­de­run­gen für Europa – ohne Scheu vor Zuspit­zung oder Popu­lis­mus­vor­wür­fen. Not­wen­dige Werk­zeuge zum Begrei­fen der Welt stellte er bereit. Der luzide Dia­gnos­ti­ker der Gegen­wart wurde zuletzt pes­si­mis­tisch, fast fata­lis­tisch und defä­tis­tisch. Noch 2024 bekräf­tigte er, dass «etwas bes­ser wer­den» musste [Rezen­sion in: per­spek­ti­vends 2025, H. 1, S. 229].
In sei­ner Jugend wurde er Zeuge des Beginns einer neuen Epo­che und jetzt wird beschwo­ren, dass mit ihm eine Epo­che zu Ende geht. Nicht daran zu rüt­teln ist, dass wir nun ohne ihn wei­ter­ma­chen müs­sen. Oder um Haber­mas zu zitie­ren: «Von hier an müs­sen wir alleine weitergehen.»