Wir erinnern an Eduard Bernstein

Wir erinnern an Eduard Bernstein

Am 18.12.2022 jährt sich sein Todes­tag zum 90. Mal

Der 1850 gebo­rene Edu­ard Bern­stein starb am 18. Dezem­ber 1932 im Alter von 82 Jah­ren. Bereits seit Mitte der zwan­zi­ger Jahre – nach Schick­sals­schlä­gen wie dem Tod sei­ner Frau und der Selbst­tö­tung sei­ner Toch­ter und einem schwe­ren Schlag­an­fall – war er nicht mehr der Alte. Er machte den­noch in Zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten und als Red­ner und Agi­ta­tor wei­ter, wenn auch ein­ge­schränkt. Im Lexi­kon des Sozia­lis­mus (1986) hieß es: «Sein Tod Ende 1932 ersparte ihm, den Tri­umph des von ihm lei­den­schaft­lich bekämpf­ten Natio­nal­so­zia­lis­mus zu erle­ben.» Anders als sei­nem Freund und zeit­wei­sen Gegen­spie­ler Karl Kaut­sky blie­ben ihm die Nazi­gräuel erspart. Bern­steins Urnen­bei­set­zung in Schö­ne­berg geriet noch zu einer letz­ten gro­ßen Demons­tra­tion der Sozi­al­de­mo­kra­tie und Arbei­ter­be­we­gung vor der Macht­er­grei­fung der Nazis.

Heute ist der demo­kra­ti­sche, frei­heit­li­che und (in den Wor­ten von Tho­mas Meyer) «kon­struk­tive Sozia­lis­mus» von Bern­stein selbst vie­len SPD-Genos­sen wenig bekannt. Dabei hat Bern­stein die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Bewe­gung weit mehr geprägt als vie­len heute bewusst ist. Der für die moderne SPD zen­trale Demo­kra­ti­sche Sozia­lis­mus des Godes­ber­ger Grund­satz­pro­gramms von 1959 beruht wesent­lich auf Bern­steins Reform­so­zia­lis­mus – jedoch ohne die­sen auch nur ein­mal zu erwähnen.

Edu­ard Bern­stein ist aus heu­ti­ger Sicht gewis­ser­ma­ßen das Band, das Iden­ti­tät und Theo­rie­ge­schichte der SPD zusam­men­hält. Sein Den­ken und Wir­ken stellt die his­to­ri­sche Ver­bin­dung her zwi­schen den Ana­ly­sen und Theo­rien des Mar­xis­mus und der poli­ti­schen Reform­pra­xis der Arbei­ter­be­we­gung bis hin zur moder­nen sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Poli­tik unse­rer Zeit.

Fried­rich Engels hatte ihn in sei­nen spä­te­ren Jah­ren zu einem sei­ner Nach­lass­ver­wal­ter bestellt. Denn auch Engels war zuletzt nicht mehr auf die Revo­lu­tion als eine Art gewalt­sa­men Bar­ri­ka­den­kampf fixiert. Auch er hielt es für mög­lich, dass die ste­tig wach­sende SPD auch auf demo­kra­tisch-par­la­men­ta­ri­schen Wege errei­chen könnte, was trotz all der Kri­sen des Kapi­ta­lis­mus eben offen­sicht­lich nicht auto­ma­tisch ein­tritt: «alle Ver­hält­nisse umzu­wer­fen, in denen der Mensch ein ernied­rig­tes, ein geknech­te­tes, ein ver­las­se­nes, ein ver­ächt­li­ches Wesen ist» (um es in den Wor­ten von Marx zu sagen).

Die «Erfin­dung des Mar­xis­mus» (so Chris­tina Morina) prägte bekannt­lich die nächste Gene­ra­tion von Den­kern der Arbei­ter­be­we­gung nach Marx und Engels: August Bebel stand für die orga­ni­sa­to­ri­sche und reform­ori­en­tierte Stär­kung der SPD bei revo­lu­tio­nä­ren Sonn­tags­re­den, Rosa Luxem­burg für die Illu­sion des aktio­nis­ti­schen Auf­stands der Mas­sen, Karl Kaut­sky für den natur­not­wen­di­gen kri­sen­haf­ten Zusam­men­bruch des Kapi­ta­lis­mus auf­grund sei­ner inne­ren Wider­sprü­che, Lenin für den gewalt­sa­men zen­tra­lis­ti­schen Putsch einer Avant­garde. Sie alle waren Gegen­mo­delle zu Bern­steins Demo­kra­ti­schem Sozia­lis­mus, dem es darum ging, die wach­sende Kluft zu über­win­den: zwi­schen der Fixie­rung auf die große Revo­lu­tion auf der einen Seite und die über­wie­gend reform­ori­en­tierte Pra­xis der euro­päi­schen Arbei­ter­be­we­gung auf der ande­ren Seite.

Her­aus­grei­fen möchte ich nicht (wie in der heu­ti­gen Ein­la­dung), dass er das Gothaer Pro­gramm von 1875 und das Gör­lit­zer Pro­gramm von 1921 prägte, son­dern seine Mit­wir­kung am berühm­ten Erfur­ter Pro­gramm von 1891. Es war typisch für die mar­xis­ti­sche SPD wie es aus zwei Tei­len bestand, Theo­rie und Pra­xis nicht zusam­men­be­kam. Im ers­ten Teil fasste Kaut­sky Ana­ly­sen von Marx‘ Kapi­tal zusam­men, immer­hin ohne die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­tion expli­zit zu for­dern. In dem zwei­ten kon­kre­ten und akti­ons­be­zo­ge­nen Teil von Bern­stein fin­den sich zahl­rei­che demo­kra­ti­sche und sozi­al­po­li­ti­sche Ziele wie all­ge­mei­nes Wahl­recht, Acht­stun­den­tag und Arbeiterschutz.

Doch bereits zu Leb­zei­ten war Bern­stein oft ver­fem­ter Außen­sei­ter, beson­ders der in den 1890er Jah­ren von ihm aus­ge­löste Revi­sio­nis­mus­streit ging auf Par­tei­ta­gen nicht zu sei­nen Guns­ten aus. Wir erin­nern uns an seine «Bibel des Revi­sio­nis­mus», eines sei­ner Haupt­werke: Die Vor­aus­set­zun­gen des Sozia­lis­mus und die Auf­ga­ben der Sozi­al­de­mo­kra­tie von 1899. Bekannt auch die schon ziem­lich dif­fa­mie­rende Abrech­nung von Rosa Luxem­burgs in ihrer Ant­wort­schrift Sozi­al­re­form oder Revolution.

Dabei hielt Bern­stein Zeit sei­nes Lebens fest am Ziel der Über­win­dung des Kapi­ta­lis­mus; er ver­stand sich als Sozia­list, der die Marx­schen Ana­ly­sen ange­sichts der neue­ren Ent­wick­lun­gen der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft weiterentwickelt.

Ja, Bern­stein kri­ti­sierte die Marx’sche Konzentrations‑, Zusam­men­bruchs- und Ver­elen­dungs­theo­rie. Er revi­dierte die öko­no­mis­ti­sche Fehl­ein­schät­zung von Marx, dass der Kapi­ta­lis­mus in abseh­ba­rer Zeit an sei­nen Wider­sprü­chen unver­meid­lich zer­bre­chen werde: Es wider­sprach der empi­ri­schen Rea­li­tät, dass die ratio­nal geplante sozia­lis­ti­sche Wirt­schafts­ord­nung nur bedeute, die durch den Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zess ohne­dies auf eine kleine Zahl geschrumpf­ten pri­vat­ka­pi­ta­lis­ti­schen Mono­pole in Gemein­ei­gen­tum zu über­füh­ren. Der Kapi­ta­lis­mus ent­wi­ckelte sich in der Rea­li­tät anders: kom­ple­xer, viel­ge­stal­ti­ger, dyna­mi­scher, dau­er­haf­ter und sub­jek­tiv dif­fe­ren­ziert. Es kam eben nicht natur­not­wen­dig zur Ver­schär­fung des Klas­sen­kamp­fes, viel­mehr ent­stan­den Mit­tel­schich­ten und die Ver­bes­se­rung man­cher Lebens­lage. Kri­sen mün­de­ten nicht im «Klad­de­ra­datsch», wie August Bebel die Revo­lu­tion nannte, die die SPD nicht vor­be­rei­tete, an die sie aber mehr­heit­lich glaubte und aus der sie ihre Kraft gewann.

Bern­stein ent­wi­ckelte Vor­schläge für die über­zeu­gende Schlie­ßung der Lücke zwi­schen Theo­rie und Pra­xis durch eine kon­se­quente Reform­stra­te­gie. Diese ver­band glaub­wür­dig die ein­zel­nen Reform­schritte mit den grund­le­gen­den Zie­len der Sozi­al­de­mo­kra­tie. Der bei Marx ange­deu­tete Weg des Reform­so­zia­lis­mus sollte auf diese Weise von sei­nen Wider­sprü­chen und Unbe­stimmt­hei­ten befreit wer­den. Und so zu einer illu­si­ons­lo­sen und ein­deu­ti­gen Hand­lungs­ori­en­tie­rung wer­den. Dafür schlug er z.B. vor, das Ziel der Sozia­li­sie­rung nicht an bestimmte insti­tu­tio­nelle Vor­stel­lun­gen zu knüp­fen, etwa an die Ver­staat­li­chung, son­dern als Prin­zip zu inter­pre­tie­ren. Er nannte die­ses Prin­zip das der Genos­sen­schaft­lich­keit, als einer gleich­be­rech­tig­ten Teil­habe aller Betrof­fe­nen an den Ent­schei­dun­gen und als faire Ver­tei­lung der Gewinne. Es ging ihm also um Demo­kra­ti­sie­rung des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses und der Wirtschaft.

In die­sem Sinne for­derte Bern­stein den prak­ti­schen Kampf um die Ver­bes­se­rung der Lebens­be­din­gun­gen der Arbei­ter, statt einem uto­pisch gewor­de­nen Revo­lu­ti­ons­ideal hin­ter­her­zu­lau­fen. Dass er das Ziel der Über­win­dung des Kapi­ta­lis­mus auf­ge­ge­ben habe, stimmt eben nicht. Sein berühm­ter Satz «Das Ziel ist mir nichts, die Bewe­gung ist alles» wurde oft miss­bräuch­lich zitiert. In Wirk­lich­keit ging es ihm in sei­ner Inter­pre­ta­tion der Dia­lek­tik zwi­schen Ziel und Bewe­gung um eine auf Erfah­rung basie­rende, schritt­weise Poli­tik Rich­tung Sozia­lis­mus, der so näher kommt. Für ihn steht das Ziel eben nicht am Ende der Bewe­gung; es muss als hand­lungs­lei­ten­des Prin­zip allen Refor­men selbst inne­woh­nen, muss sie auf dem demo­kra­ti­schen und klein­tei­li­gen Fort­schritt begleiten.

Drei Aspekte möchte ich an die­ser Stelle hervorheben:

Ers­tens: Noch­mals unter­stri­chen: Bern­stein ver­stand sich als Mar­xist. Der poli­ti­schen Öko­no­mie der Kapi­tal­lo­gik kann etwas ent­ge­gen­ge­setzt wer­den: durch demo­kra­ti­sche Refor­men die Logik der sozia­len Ein­sicht und Vor­sicht im Inter­esse der arbei­ten­den Mehr­heit. «Revo­lu­tio­när» meint im Reform­so­zia­lis­mus eben nicht mehr Umsturz, Gewalt und Bar­ri­ka­den­auf­stand, son­dern die grund­le­gende Umge­stal­tung der Gesell­schaft nach einer neuen Logik durch dafür geeig­nete Reform­schritte, die sich auf dem Boden der Demo­kra­tie in wohl­be­dach­ten kon­struk­ti­ven Schrit­ten der Trans­for­ma­tion auf fried­li­chem Wege voll­zie­hen. Nur wenn Marx in die­sem Sinne, in der Les­art von Edu­ard Bern­stein auf­ge­grif­fen wird, ret­tet ihn dies für Demo­kra­ten «links der Mitte». Allein die reform­so­zia­lis­ti­sche Inter­pre­ta­tion der Marx-Engels-Texte ist mit sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Iden­ti­tät ver­ein­bar, alle ande­ren Les­ar­ten, beson­ders die mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche, führ­ten in die Irre.

Zwei­tens berief sich Bern­stein auch auf Imma­nuel Kant: auf prak­ti­sche Ver­nunft, freien Wil­len und ethi­sche Werte. Wir wol­len hier an sei­nem Grab sein Selbst­ver­ständ­nis in sei­nen eige­nen Wor­ten zu Gehör kom­men lassen:

«Die Wut­an­fälle, in die ich damit ver­schie­dene Leute ver­setzt habe, haben mich nur in der Über­zeu­gung bestärkt, daß der Sozi­al­de­mo­kra­tie ein Kant not tut, der ein­mal mit der über­kom­me­nen Lehr­mei­nung mit vol­ler Schärfe kri­tisch-sich­tend ins Gericht geht, der auf­zeigt, wo ihr schein­ba­rer Mate­ria­lis­mus die höchste und darum am leich­tes­ten irre­füh­rende Ideo­lo­gie ist, daß die Ver­ach­tung des Ide­als, die Erhe­bung der mate­ri­el­len Fak­to­ten zu den omni­po­ten­ten Mäch­ten der Ent­wick­lung Selbst­täu­schung ist.»

Drit­tens erhält bei Bern­stein die Demo­kra­tie einen zen­tra­len, nicht bloß tak­ti­schen Stel­len­wert. Er sieht diese als Vor­aus­set­zung für das all­mäh­li­che Hin­ein­wach­sen in den Sozia­lis­mus, wenn­gleich die poli­ti­sche Demo­kra­tie noch nicht mit der Ver­wirk­li­chung des Sozia­lis­mus gleich­zu­set­zen sei. Hören wir hierzu noch ein­mal Bernstein:

 «Die Demo­kra­tie ist prin­zi­pi­ell die Auf­he­bung der Klas­sen­herr­schaft, wenn sie noch nicht die fak­ti­sche Auf­he­bung der Klas­sen ist. […] Selbst wenn sie ihre For­de­run­gen etwas höher span­nen, als im Ernst gemeint, um beim unver­meid­li­chen Kom­pro­miß – und die Demo­kra­tie ist die Hoch­schule des Kom­pro­mis­ses – ablas­sen zu kön­nen, geschieht es mit Maß. So erscheint in der Demo­kra­tie selbst die äußerste Linke meist in kon­ser­va­ti­vem Lichte, und die Reform, weil gleich­mä­ßi­ger, lang­sa­mer als sie in Wirk­lich­keit ist. Aber doch ist ihre Rich­tung unver­kenn­bar. Das Wahl­recht der Demo­kra­tie macht sei­nen Inha­ber vir­tu­ell zu einem Teil­ha­ber am Gemein­we­sen, und diese vir­tu­elle Teil­ha­ber­schaft muß auf die Dauer zur tat­säch­li­chen Teil­ha­ber­schaft führen.»

Das ist sein blei­ben­des Ver­dienst: Bern­stein hat als ers­ter das moderne sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Poli­tik­ver­ständ­nis formuliert.

Ers­tens neh­men wir den Revi­sio­nis­mus: Ohne per­ma­nente Gesell­schafts­ana­lyse, die kri­ti­sche Refle­xion alter und neuer sozi­al­wis­sen­schaft­li­cher und öko­no­mi­scher Theo­rien, auch der von Marx und Engels, geht ziel­ge­rich­tete Pra­xis nicht. Theo­re­ti­sche Über­le­gun­gen dür­fen aller­dings nicht zu Ideo­lo­gien gerin­nen, sie sind, und das ist mit Revi­sio­nis­mus gemeint, ange­sichts des sozia­len Wan­dels immer wie­der neu his­to­risch ein­zu­ord­nen, empi­risch zu über­prü­fen, kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, offen zu diskutieren.

Das wer­te­ba­sierte Ziel des Demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus bedeu­tet zwei­tens, die kurz­fris­tige Pro­fit­lo­gik des Kapi­tals und andere unle­gi­ti­mierte Macht­kon­zen­tra­tion zurück­zu­drän­gen – ganz im Sinne der Vision einer fried­li­chen, freien und gerech­ten Welt ohne Unter­drü­ckung und Aus­beu­tung: Das läuft letzt­lich auf die Ein­he­gung, ja im Grunde die Trans­for­ma­tion der kapi­ta­lis­tisch domi­nier­ten Wirt­schaft und Gesell­schaft hin­aus (was schon bei Bern­stein nicht die Abschaf­fung jeg­li­cher Markt­wirt­schaft bedeu­tete und was heute, wo die sozi­al­öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­tion ansteht, wie­der hoch­ak­tu­ell ist).

Drit­tens der Refor­mis­mus: Eine reform­po­li­ti­sche Pra­xis der glo­ba­len Huma­ni­tät und Demo­kra­ti­sie­rung sämt­li­cher Lebens­be­rei­che, die sich den Rea­li­tä­ten stellt, setzt auf schritt­weise Ver­bes­se­run­gen und real­po­li­ti­sche Pro­blem­lö­sun­gen im täg­li­chen Han­deln, die durch Mehr­hei­ten legi­ti­miert sind; eine Poli­tik der kon­struk­ti­ven, klei­nen Schritte, aber wert­ori­en­tiert mit kla­rer Orientierung.

Vier­tens – und daran soll­ten wir uns in die­sen Mona­ten des Über­falls Russ­lands auf die Ukraine beson­ders erin­nern – stand Bern­stein in der SPD auf Sei­ten der­je­ni­gen, die die impe­ria­lis­ti­sche deut­sche Kriegs­füh­rung scharf ver­ur­teil­ten und für inter­na­tio­nale Ver­stän­di­gung ein­tra­ten – so fand er sich 1917 wie eigent­lich alle Par­tei­in­tel­lek­tu­el­len, die für ein Ende des Welt­krie­ges ein­tra­ten, in Oppo­si­tion zur Par­tei­füh­rung in der USPD wie­der. Die beson­dere frie­dens­po­li­ti­sche Ori­en­tie­rung der SPD, die heute wie­der gefor­dert ist, hat auch mit sol­chen Tra­di­tio­nen zu tun.

Diese vier Prin­zi­pien bestim­men, wenn es gut läuft, bis heute das Selbst­ver­ständ­nis sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Han­delns. Es geht also um eine Poli­tik, die sich an Grund­wer­ten ori­en­tiert, die wis­sens­ba­siert und mit ratio­na­lem Dis­kurs über einen kla­ren Kom­pass ver­fügt und die ein über­zeu­gen­des Nar­ra­tiv anbietet.

Bern­stein könnte man auch als Brü­cken­bauer bezeich­nen: Er ver­mit­telte zwi­schen den mar­xis­ti­schen Klas­si­kern und der moder­nen Sozi­al­de­mo­kra­tie, zwi­schen der Ana­lyse des Indus­trie­ka­pi­ta­lis­mus und sozio­lo­gi­schen Fra­gen, wie der nach dem Sub­jekt fort­schritt­li­cher Poli­tik, die weit in die Welt des heu­ti­gen sin­gu­lä­ren Kapi­ta­lis­mus hin­ein­rei­chen. Und, nicht zuletzt ver­band Bern­stein sys­te­ma­tisch Demo­kra­tie und Sozia­lis­mus zur Leit­idee des Demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus: Bei ihm ist ein Aus­spie­len des einen gegen das andere, was bekannt­lich die Block­kon­fron­ta­tion des 20. Jahr­hun­derts prägte, undenkbar.

Robert Pausch emp­fahl einst in der ZEIT, «die SPD könnte […] vom «ver­ges­se­nen Par­tei­theo­re­ti­ker Edu­ard Bern­stein […] erfah­ren, dass Refor­mis­mus und Radi­ka­lis­mus kei­nes­falls Gegen­sätze sein müs­sen.» Das ist viel­leicht Bern­steins stärks­tes Ver­dienst: Er hat uns gezeigt, dass grund­le­gen­der Ver­än­de­rungs­wille und all­täg­li­ches prak­ti­sches Han­deln vor Ort zusam­men­ge­hen kön­nen Er selbst war ja schließ­lich auch Schö­ne­ber­ger Kom­mu­nal­po­li­ti­ker, Stadt­ver­ord­ne­ter und Stadtrat.

In die­sem Sinne ist Bern­stein aus heu­ti­ger Sicht nicht der bekann­teste und auch nicht der cha­ris­ma­tischste, aber der wohl wich­tigste Vor­den­ker der SPD. Lasst uns ver­nei­gen vor sei­nem Grab.

Klaus-Jür­gen Sche­rer, 18.12.2022