Jahrgang 2017

Jahrgang 2017

per­spek­ti­ven ds 1/2017
SPD neu erfin­den? Über die Bun­des­tags­wahl hin­aus
284 Sei­ten | vergriffen

Der neue SPD-Par­tei­vor­sit­zende und Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz hat alle über­rascht und Anfang des Jah­res die SPD auf einer emo­tio­na­len Welle der Zustim­mung vor­über­ge­hend auf Augen­höhe mit der Union gebracht. Viele lang­jäh­rige Selbst­zwei­fel und Kri­sen sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Iden­ti­tät schie­nen wie weggewischt.
Doch selbst­ver­ständ­lich kann der Schulz-Effekt, ein solch emo­tio­na­ler Moment des Auf­bruchs und der per­so­nel­len Pola­ri­sie­rung gegen Mer­kel, nicht alles sein.
Fra­gen nach der SPD als Pro­gramm­par­tei – zur Bun­des­tags­wahl und dar­über hin­aus – wol­len beant­wor­tet wer­den. Wie weit muss sich die SPD, so unser pro­vo­zie­ren­der Heft­ti­tel, jetzt neu erfin­den, wo ist Rück­be­sin­nung auf Tra­di­tion und Grund­werte ange­bracht? Was heißt es bei allem Spek­ta­kel der Medi­en­ge­sell­schaft, an der Not­wen­dig­keit ana­ly­ti­scher Gesell­schafts­kri­tik fest­zu­hal­ten? Kurzum: Worin bestehen eigent­lich die natio­na­len, euro­päi­schen und glo­ba­len Iden­ti­täts­kerne einer sozi­al­de­mo­kra­ti­schen oder gar demo­kra­tisch-sozia­lis­ti­schen Poli­tik im 21. Jahr­hun­dert? Es geht um poli­ti­sche Alter­na­ti­ven zum Neo­li­be­ra­lis­mus und zur auto­ri­tä­ren Regres­sion, aber auch um das Span­nungs­feld zwi­schen SPD-pur und dem Rea­lis­mus begrenz­ter Mög­lich­kei­ten. Schließ­lich hatte der mobi­li­sie­rende Mythos der Sozi­al­de­mo­kra­tie immer auch damit zu tun, Gesell­schaft und Wirt­schaft demo­kra­tisch zu gestal­ten und viel­leicht sogar trans­for­mie­ren zu wollen. 


per­spek­ti­ven ds 2/2017
Auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Sozi­al­de­mo­kra­tie
232 Sei­ten | vergriffen

Auf der Suche nach der ver­lo­re­nen Sozi­al­de­mo­kra­tie? Ganz so schlimm ist es hof­fent­lich nicht. Total ver­lo­ren und ver­schwun­den, das ist die SPD doch noch nicht. Sie wird sogar zur Mehr­heits­bil­dung wie­der gebraucht. Aber die Angst, dass sie mit der Union Angela Mer­kels von Mal zu Mal stär­ker in den Sog ihres Unter­gangs gerät, sitzt tief – und ist ange­sichts der Mar­gi­na­li­sie­rung von Sozi­al­de­mo­kra­tien in ande­ren Län­dern Euro­pas alles andere als irra­tio­nal. Auch wenn sich die SPD – «ergeb­nis­of­fen» (so der Ber­li­ner Par­tei­tag 7.–9. 12. 2017) – staats­po­li­ti­scher Ver­ant­wor­tung nicht ent­zie­hen will, auch wenn sie tat­säch­lich wie­der ein­mal wich­tige Essen­ti­als ihres Pro­gramms durch­zu­set­zen ver­mag, weiß sie doch: Nach der tie­fen Zäsur der Bun­des­tags­wahl 2017 kann es kein ein­fa­ches Wei­ter­ma­chen des «Busi­ness as usual» mehr geben!
Das schlech­teste Ergeb­nis der SPD seit 1945 (20,5 %), mit der rech­ten AfD fast schon im Nacken (12,6 %) und in Ost­deutsch­land gar eine AfD mit 22,5 % deut­lich vor der SPD (14,3 %), die SPD dort nur auf dem vier­ten Platz: welch eine Wahl­ka­ta­stro­phe! Bereits jetzt ist der SPD ihr Volks­par­tei­en­sta­tus in vie­len Regio­nen ver­lo­ren gegan­gen. Wer­den die demo­kra­ti­schen Volks­par­teien auch in Deutsch­land durch einen neuen Typus popu­lis­ti­scher «Bewe­gungs­par­teien» ver­drängt: durch die Rechts­au­ßen-AfD, aber auch die neue Lind­ner-FDP, bei­des eher seil­schafts­ori­en­tierte Pro­test­par­teien?
Auch wenn ihr akti­ves Per­so­nal mitt­ler­weile über­wie­gend zur mobi­len Élite, zu den Gewin­nern der Glo­ba­li­sie­rung gehört, muss die SPD The­men wie den Anstieg der Kin­der­ar­mut, den Höchst­stand an Leih­ar­beit, die jähr­li­chen Ein­kom­mens­ver­luste der unte­ren 40 %, den Pfle­ge­not­stand, die Woh­nungs­not, sin­kende Ren­ten usw. in den Mit­tel­punkt ihrer Poli­tik stel­len, sie darf sich nicht nur an den Auf­stei­gern einer ima­gi­nä­ren «Mitte» ori­en­tie­ren, son­dern muss sich gerade um die pre­kär Leben­den, die Nicht­mo­bi­len, die wenig Gebil­de­ten und die­je­ni­gen, die sich im Stich gelas­sen füh­len, küm­mern. Glo­ba­li­sie­rung, digi­ta­ler Kapi­ta­lis­mus und die kul­tu­relle Wende ins Sin­gu­läre erfor­dern aufs Neue die Par­tei­nahme für Arbeit, Zusam­men­halt, Sicher­heit und Gleich­heit (was ohne aktua­li­sierte Kapi­ta­lis­mus­kri­tik kaum gehen wird).